Retrospektive

Mustermensch und das T5

Als 2003 das Kulturzentrum „Fabrik“ seine Türen schloss, war das ein großer Verlust für Duisburg. Ad hoc waren keine Räume mehr vorhanden, die für Kulturveranstaltungen genutzt werden konnten, ohne nur den großen Gewinn im Auge zu haben. Der Wunsch, sich in öffentlichen Bereichen aufhalten zu können, ohne dabei konsumieren zu müssen, wurde bei einigen Duisburgern immer stärker. Der Verein Mustermensch e.V. wurde 2005 mit dem Ziel gegründet, selbstbestimmte Kultur zu fördern und zu etablieren. Das Interesse bei der ersten Vereinssitzung war riesig, die Sehnsucht nach einem unabhängigen Kulturzentrum groß.

Kickerturnier in der Innenstadt

Etliche Jahre sind seitdem vergangen. Eine lange Zeit, ein langer Weg, der auch in viele Sackgassen führte. Weil kein Obdach vorhanden war, organisierten die Mustermenschen kurzer Hand Konzerte oder Lesungen in den Zentren der Nachbarstädte oder freiem Himmel mitten in der Stadt: Mit verschiedenen Aktionen, wie einem Kickerturnier oder Infoständen, einem bunten Umzug oder öffentlichen Konzertproben, wies der Verein auf die kulturelle Lücke in der Stadt hin.

Stadt Duisburg glaubte nicht an die Idee

Bei der Suche nach einem geeigneten Gebäude fragte Mustermensch e.V. auch bei der Stadt an. Die Mitglieder erhofften sich Unterstützung bei der Immobiliensuche. Sie betonten aber auch, dass sie den Haushalt der Stadt nicht anzapfen wollen. Die städtische Kassenlage ließ einerseits nicht daran denken, andererseits sollte auch die eigene Autonomie gewährleistet bleiben. Als größtes Problem erwies sich dabei, dass die städtischen Kulturbeauftragten nicht an die Idee der Eigenwirtschaftlichkeit glaubten.

Die Gebäudesuche erwies sich als schwierig

Die weitere Haussuche erwies sich nicht leichter: Immobilienvertreter sagten im letzten Moment ab, oder aber die Häuser lagen weit außerhalb. Ein öffentlicher Personennahverkehr, der den Transfer der Gäste zu später Stunde garantieren konnte, war nicht gewährleistet.

Nägel mit Köpfen

Die Jahre hatten doch Energie und Elan gekostet. Würde jetzt nicht gehandelt werden, müsste der Verein sich über kurz oder lang auflösen. Im Sommer 2008 machte die Nachricht die Runde, dass eine Kneipe in der Innenstadt schließt. Nach kurzer Überlegung und nach einem Besichtigungstermin entschied der harte Kern des Vereins, Nägel mit Köpfen zu machen. Nachdem im Oktober der Vorstand den Mietvertrag unterschrieben hatte, ging alles sehr schnell. Sechs Wochen lang wurde entrümpelt, umgebaut, saniert und geputzt. Mitte November endlich öffnete das neue Vereinsheim mit dem Namen T5 endlich seine Pforten.

Ein halbes Jahr T5 – Glück und Ärger

Gut ein halbes Jahr lang gab es das „Unabhängige Zentrum T5“. Jede Menge Konzerte, Kinovorführungen, Info- und Spieleabende wurden in Eigenregie und -leistung dort veranstaltet. Zudem kamen jede Menge Leute und Gruppen zum T5, die die Räume für eigene Treffen oder Abende nutzten. Die positive Resonanz war überwältigend. Die Inanspruchnahme groß. Einhergehend mit der Organisation, was allen Erfolgserlebnissen zum Trotz auch stets viel Zeit- und Krafteinsatz bedeutet, mussten parallel auch die „äußeren Widrigkeiten“ bewältigt werden, was ungemein an die Substanz ging. Das Ordnungsamt machte stets Vorhaltungen. Es hat nicht verstanden, dass das T5 kein „normaler“ Gastronomiebetrieb ist und nicht mit Schanklizenz, Gewinnmaximierung etc. zu begutachten ist. Es gab öfter Treffen mit Vertretern beider Seiten, die zu keinem Nenner führten, Strafen und Kontrollen wurden angedroht.

Die ewige Lautstärke

Laut werden, ja, das liegt auf der Hand. Deswegen endeten Konzerte um 22 Uhr. Dennoch trafen sich die Mustermenschen mit Vermieter, Architekten und Bauamt, um einen Weg zu finden, wie das T5 schallschutzisoliert werden kann. Ziel war die Beantragung einer Nutzungsänderung, um so dem O-Amt Folge zu leisten. Der Verein erklärte sich sogar bereit entsprechende Kosten zu übernehmen, wenn der Vermieter den Umbau gestattet, die Aufwertung anerkennt und sogar einem Finanzierungsplan zustimmt. Der Vermieter hatte aber Angst, dass dort eine Disko eröffnet werden soll, der Architekt entdeckte eine Holzdecke als Fass ohne Boden und schlussendlich stellten alle fest, dass die Bausubstanz zu marode für einen Umbau sei. Mustermensch zog die Reißleine.

Trägerschaft der freien Jugendhilfe

Im Frühjahr 2009 besuchten zwei Delegationen das T5. Einmal Fraktionsmitglieder der Grünen und der CDU, Mehrheit des damaligen Rates. Am nächsten Tag kamen Vertreter des Jugendhilfeausschusses. Es war eine sogenannte Vor-Ort-Begehung, bevor im Ausschuss über die Trägerschaft der freien Jugendhilfe abgestimmt werden konnte. Die Menschen wurden warmherzig empfangen und köstlich bewirtet, es gab Kaffee und Kuchen und – ganz wichtig – weiße Tischdecken. Das Treffen diente auch dazu Vorbehalte der Ausschussmitglieder zu zerstreuen, kritische Stimmen waren nicht selten. Vor allen Dingen aber konnten sich Außenstehende zum ersten Mal ansatzweise vorstellen, wie so ein Laden funktioniert – kulturell, mitmenschlich und eben auch ökonomisch. Letztendlich hat der Mustermensch e.V. die Trägerschaft erst mal bis Mai 2012 anerkannt bekommen. Jährlich muss ein Rechenschaftsbericht vorgelegt werden.

Und jetzt?

Etliche Jahre sind ins Land gezogen. Natürlich sind die Leute älter geworden, haben das Studium beendet, Familie gegründet, sind schon nicht mehr in dieser Stadt, engagieren sich eben woanders. Dort wo die Infrastruktur schon vorhanden ist und die Kraft genau und sofort eingesetzt werden kann. Dort wo sie eigentlich gebraucht wird: In unkommerzielle, kulturelle, kreative Aktivitäten. Kultur abseits des Mainstreams. Aber: Noch ist nicht aller Tage Abend, noch gibt es hier jede Menge (neuer) Leute, deren Traum und Wunsch ein unabhängiges Kulturzentrum ist.

Let´s go forward!